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March 11, 2013

“In der Jugend der Völker und Staaten blühen die Waffen und die Künste des Krieges; im reifen männlichen Alter der Völker und Staaten Künste und Wissenschaften; dann eine Zeit lang beide zusammen, Waffenkunst und Musenkünste; endlich im Greisenalter der Völker und Staaten Handel und Industrie, Luxus und Moden” (Bacon De augm. scient. IV, 2 p. 114; Sermones fideles 56 p. 1236)

 

“Wenn ein einzelner kräftiger in seiner Entwicklung nicht gestörter Mann als höchste Lebensdauer hundert oder ausnahmsweise zweihundert Jahre erreicht (Vergl. Flourens, Das menschliche Lehen in seiner Dauer von mehr als hundert Jahren p. 55 ff. – S1 S. m. Studien p. 43. 535.)
, so beträgt die Lebensdauer eines grossen starken in seiner Entwicklung nicht gestörten Volkes ungefähr zwei- bis viertausend Jahre , von welchen die Hälfte auf die staatliche Blüthe desselben kommt. Nur so lange es in der Entwicklung begriffen ist und ein höheres ideales Ziel erstrebt, hat das Leben der Völker inneren Halt; ist die Entwicklung vollendet, das Ziel erreicht, hat ein Volk hervorgebracht was hervorzubringen es bestimmt war: so ermattet nothwendig nachdem sie ihren Zweck erreicht hat die innere Energie, es stocken die Säfte, die Zeugungskraft beginnt zu erlöschen, das Leben sinkt, und seine Formen zerfallen, sichtbar von aussen nach innen, weil unsichtbar im Innern die Triebkraft aufgehört hat (Dass im Alter der Völker in der That auch die physische Zeugungskraft abnehme, hat Zumpt in der schönen Abhandlung über den Stand der Bevölkerung im Alterthum (Abhh. der Berliner Akademie aus dem J. 1840) unwidersprechlich nachgewiesen, indem er zeigt, dass auch in dieser Beziehung für Griechenland der peloponnesische , für Rom der zweite punische Krieg den Wendepunkt der sinkenden Volkskraft bilde , und dass es keine Chimaere sei , wenn wir sagen , dass um die Zeit der Geburt Christi die altgriechische Welt . schon lange im Aussterben begriffen gewesen , und auch die altrömische Welt drohende Vorboten ihrer inneren Auflösung gezeigt habe (p. 23. 45).).” – Lasaulx

 

“Der Naturprocess der Lebensentwicklung in den Völkern.;

Was nun den inneren Naturprocess des Lebens in einem entwicklungsfähigen Volke und in der vollendetsten Gestalt des Volkslebens im Staate betrifft, so ist der im allgemeinen folgender: das Leben wächst von innen nach aussen, von unten nach oben, und stirbt ab von aussen nach innen, von. oben nach unten. Aus dem Bauer wächst empor der Bürger, der Krieger, der Priester, der Edelmann, der Fürst; und wenn die ausgewachsen sind, so stirbt das Volksleben von oben nach unten ab: von den Dynastengeschlechtern anfangend geht der Auflösungsprocess successive abwärts, bis er zulezt auch den Bauernstand ergreift. (Vergl. K. Vollgraffs Ethnognosie p. 956 und Polignosie p. 704: der Verfall beginnt immer von oben, mit den edelsten Theilen.)
Ebenso ist es mit den Künsten und Wissenschaften: zuerst Bergbau, Viehzucht, Ackerbau, Schiffahrt, Handel, Gewerbe, bürgerlicher Wohlstand; dann erst entstehen aus den Handwerken die Künste, und aus diesen zulezt die Wissenschaften. Und wenn also die productive Kraft in aufsteigender Lebenslinie ihren Höhepunkt erreicht hat, so dass innerhalb des Volkes keine Weiterentwicklung mehr möglich ist: so tritt ein Stocken der Säfte, Erschlaffung, Verweichlichung, Luxus ein, und darnach eine rückläufige Bewegung, ein Zurücksinken in Barbarei. Schon der Florentinische Staatssecretär und Historiograph
Niccolö Machiavelli macht darum die Bemerkung(Machiavelli in den Istorie Fiorentine V p. 67 der Florentiner Ausgabe vom J. 1831.): dass in dem Leben der gebildeten Völker und Staaten zuerst die Waffen, dann die Wissenschaften kommen, zuerst die Feldherren, dann die Philosophen. Denn erst nachdem gute Waffen Siege errungen, und nach den Siegen Ruhe eingetreten, da erst sei die Rüstigkeit des bewaffneten Muthes in anständigem Müssiggange durch die Wissenschaften verdorben worden; und es könne keine grössere und gefährlichere Täuschung in wolgeordnete Staaten eindringen als ein müssiges Philosophiren. Das habe der alte Cato am besten erkannt und ausgesprochen als er darauf gedrungen: die griechischen Schwätzer (die Philosophen Karneades, Diogenes, Kritolaus) mit guter Manier aus der Stadt zu schaffen, damit sie zu Hause mit den griechischen Jünglingen, nach wie vor klügeln, nicht aber die Ohren der römischen Jugend von den Worten der Oberen und der Geseze abwenden möchten. Denn, sezt Machiavelli hinzu, auf diesem Wege der Müsse gerathen die Staaten in Zerrüttung. Das leztere Wort, auf alle Philosophie und jede Wissenschaft ausgedehnt, wäre zwar hart und ungerecht; denn auch das menschliche Wort ist ein Schwert und die echte Wissenschaft eine Waffe”, so gut als jene die von Erz und Eisen sind ; aber wie es in müssiges Soldatenspiel gibt, so auch allerdings eine eitele leere nuzlose Wissenschaft – und die Lehrmeinungen der genannten Philosophen die Cato aus Rom wollte fortgeschafft haben, die akademische, stoische, und epicurische Philosophie, waren allerdings, das konnte keinem besonnenen Staatsmanns entgehen, unter dem Einflüsse des sinkenden nationalen Lebens der Griechen entstanden” Ernst von Lasaulx, NEUER VERSUCH EINER ALTEN AUF DIE WAHRHEIT DER THATSACHEN GEGRÜNDETEN PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

VI.

Wie die grössere Hälfte aller Geburten der Pflanzen Thiere und Menschen in der ersten Kindheit sterben, und die Avenigsten nur zur vollwüchsigen Entwicklung gelangen: so auch sterben die meisten Stämme und Clane der Völker in der Jugend ihres Daseins, und nur wenige wachsen sich aus zu kräftigen Völkern Staaten und Reichen.

140 Verfall und Tod der Staaten und Völker.;

Wenn ein einzelner kräftiger in seiner Entwicklung nicht gestörter Mann als höchste Lebensdauer hundert oder ausnahmsweise zweihundert Jahre erreicht (Vergl. Flourens, Das menschliche Lehen in seiner Dauer von mehr als hundert Jahren p. 55 ff. – S1 S. m. Studien p. 43. 535.)
, so beträgt die Lebensdauer eines grossen starken in seiner Entwicklung nicht gestörten Volkes ungefähr zwei- bis viertausend Jahre , von welchen die Hälfte auf die staatliche Blüthe desselben kommt. Nur so lange es in der Entwicklung begriffen ist und ein höheres ideales Ziel erstrebt, hat das Leben der Völker inneren Halt; ist die Entwicklung vollendet, das Ziel erreicht, hat ein Volk hervorgebracht was hervorzubringen es bestimmt war: so ermattet nothwendig nachdem sie ihren Zweck erreicht hat die innere Energie, es stocken die Säfte, die Zeugungskraft beginnt zu erlöschen, das Leben sinkt, und seine Formen zerfallen, sichtbar von aussen nach innen, weil unsichtbar im Innern die Triebkraft aufgehört hat (Dass im Alter der Völker in der That auch die physische Zeugungskraft abnehme, hat Zumpt in der schönen Abhandlung über den Stand der Bevölkerung im Alterthum (Abhh. der Berliner Akademie aus dem J. 1840) unwidersprechlich nachgewiesen, indem er zeigt, dass auch in dieser Beziehung für Griechenland der peloponnesische , für Rom der zweite punische Krieg den Wendepunkt der sinkenden Volkskraft bilde , und dass es keine Chimaere sei , wenn wir sagen , dass um die Zeit der Geburt Christi die altgriechische Welt . schon lange im Aussterben begriffen gewesen , und auch die altrömische Welt drohende Vorboten ihrer inneren Auflösung gezeigt habe (p. 23. 45).).
In der Schlacht von Plataeae kämpften 8000 Spartiaten ; hundert Jahre später bemerkt Aristoteles Pol. II, 6, 11. 12 dass der Staat kaum 1000 dienstfähige Männer mehr zähle, und durch Menschenmangel,oXcyuvd-QConia, untergehe. Denselben Menschenmangel bezeugt Polybius 87, -4 als überall in Griechenland in erschreckender Weise herschend, Abneigung gegen die Ehe, Unfruchtbarkeit der Ehen, allgemeine Verödung der Städte; und gleicherweise bezeugt Strabon VIII, 4, 11 dass von den hundert Städten Lakoniens zu seiner Zeit ausser Sparta kaum noch.dreissig Flecken, nolixvat Tiveg, übrig seien. Noch trauriger schildert die allgemeine Verödung Griechenlands und der ganzen alten Welt, xoivi} 6).tyai’d(jiu, zu seiner Zeit Plutarchus Mor. p. 413. 414. So lange ein Volk im wachsen begriffen ist, ersezt sich der durch Kriege und Seuchen entstandene Ausfall der Bevölkerung sehr schnell; im Alter der Völker dagegen nicht mehr. Ebenso im alten Rom. Im Jahr 225 vor Chr. bei Gelegenheit des Krieges gegen die Gallier betrug die Summe der unter den Waffen stehenden Römer und Bundesgenossen 210,000 Mann und in den Listen waren noch verzeichnet 558,000 Mann: Plinius III, 20, 138. Eutropius III, 5. – Polybius I, 64 dagegen bezeugt ausdrücklich dass zu seiner Zeit der römische Staat nicht mehr im Stande sei, solche Heere und Flotten wie im ersten punischen Kriege aufzustellen; J. Caesar entdeckte hei dem im J. 46 vor Chr. abgehaltenen Census einen allgemeinen erschrecklichen Menschenmangel, dewi’jv oXiyccv&Qanütxv: Dion Cassius 43, 25; und Diodorus II, 5 sagt dass die jezige Entvölkerung der Städte gegen die ehemalige Menschenfülle, Ttolvav&Qania, eine allgemeine Klage sei. Kurz es ergibt sich dass sobald ein Volk die Akme seines Lebens überschritten hat, auch seine physische Zeugungskraft, seine Bevölkerung, im Ganzen geschäzt, stetig abnehme; was freilich nicht ausschliesst, dass sie vorübergehend auch einmal wachse. Man darf daher von einer momentanen Übervölkerung der Staaten nicht auf deren Jugendkraft schliessen ; auch in alten Familien hat man ja beobachtet dass zuweilen, kurz bevor sie aussterben, eine auffallend grosse Kinderzahl erscheint.

142 Verfall und Untergang der Staaten und Völker.;
So sanken dahin die asiatischen Reiche, aller Menschenbildung Urheimath, als ihre höchste Blüthe erreicht, ihre Bestimmung erfüllt, und als ihre jüngeren europäischen Brüder soweit herangereift waren um die Erbschaft mit Verstand antreten zu können. So verwelkte das hellenische Leben als es die asiatische Erbschaft sich vollkommen assimilirt, aus ihr seine schönsten Früchte für sich und die Menschheit erzeugt, seine Kunst und seine Philosophie völlig entwickelt und ausgereift hatte; als seine geistvollsten Kinder, die Athener selbst das neue Lebensprincip, welches über sie hinauswies, in Sokrates getödtet; und als der makedonische Heldenjüngling Alexander der Grosse in der Stadt seines Namens eine neue Vermälung Europas und Asiens glücklich eingeleitet hatte. So hörte auch der jüdische Staat auf als seine Mission erfüllt war: als die Juden in Alexandrien an der hellenischen Bildung theilgenommen, ihrerseits ihren Jehovaglauben unter allen Völkern des römischen Erdkreises verbreitet; (Yerg]. Haneberg, Geschichte der biblischen Offenbarung p. 418 ff. – wo nach dem Vorgange Philons II p. 523 fF. 587, 10 ff. ausführlich nachgewiesen ist, dass die Juden sich in der Zeit zwischen Alexander und Pompejus in allen Theilen der hellenisch römischen Welt verbreitet und jüdische Gemeinden gegründet haben.) und als unter ihnen, von seiner Mutter her aus jüdischem und aus heidnischem Blute entsprossen (Nicht das Normale, Zahme, sondern das Abnorme, Wilde, bildet überall die Grundlage und den Anfang einer neuen Ordnung.), Christus geboren und wie sein Vorläufer in Athen nicht erkannt, sondern ans Kreuz war geschlagen worden. Dahingesunken endlich ist auch das im Weltkampf erstarkte Geschlecht der Römer, als seine Mannesarbeit vollbracht, sein Völkerberuf erfüllt war: nachdem die römischen Legionen zuerst Italien, dann alle Umlande erobert, im Laufe weniger Menschenalter alle Burgen bis dahin selbständiger Völker, Karthago, Korinth, Numantia, Jerusalem gebrochen, alle früheren Reiche zu römischen Provinzen, und aus allen eine Weltmonarchie gemacht hatten, innerhalb deren ein Recht, das römische, und eine Weltbildung, die römisch – griechische , herschen sollte; nachdem sie dann auch die von den Juden verworfene neue Weltreligion in sich aufgenommen, die den durch das Schwert Geeinigten auch inneren Frieden und innere Einheit bringen wollte; und nachdem endlich ihre Nachfolger, die naturfrischen keltisch -germanischen Stämme ihnen gegenüber so zu stehen gekommen waren, wie sie einst gegen die Griechen, und diese gegen die Asiaten standen.
Rom aber, weil es sich der neuen weltbewegenden Macht des Christenthums nicht verschlossen, sondern sie rechtzeitig erkannt und in sich aufgenommen hatte,
blieb auch während der nun folgenden Weltperiode der christlich-germanischen Völker das geistige Centrum derselben: so dass ich mit Maeaulay darüber keinen Zweifel habe, dass die römische Kirche, welche den Anfang aller euröpaeischen Dynastien gesehen hat, auch das Ende von allen überdauern, und vielleicht auch dann noch bestehen wird, wenn einst irgend ein Reisender aus Neuseeland nach den brittischen Eilanden herüberkommen, inmitten einer weiten Einöde einen zerbrochenen Pfeiler der Londonbrücke erklettern, und die Ruinen der Paulskirche zeichnen wird (Da die Stelle welche ich hier im Auge habe, die grossartigste ist unter allem was Macaulay geschrieben hat, so will ich sie ganz hierhersezen. Sie findet sich in den Kleinen hist. Schriften, übersetzt von Bülau IV p. 61 ff. und lautet wie folgt:”Es gibt auf dieser Erde kein Werk der menschlichen Politik und hat niemals eines gegeben, welches eine Untersuchung so sehr verdient als die römisch katholische Kirche. Die Geschichte dieser Kirche verbindet die zwei grossen Zeitalter der Civilisation , das Alterthum und die neue Zeit. Es gibt keine andere Institution in Europa , die uns zu den Zeiten zurückführte , wo der Rauch der Opfer aus dem Pantbeon aufstieg und wo Giraffen und Tieger im flavischen Amphitheater umhersprangen. Die stolzesten Königshäuser sind in Vergleich mit der langen Reibe der römischen Päpste nur von gestern her. Diese Reihe können wir in ununterbrochener Folge von dem Papste der Napoleon im neunzehnten Jahrhundert krönte bis zu demjenigen zurückverfolgen der Pipin im achten krönte, und die erhabene Dynastie erstreckt sich noch weit über die Zeit Pipins hinaus, bis sie in das Zwielicht der Sage sich verliert . . Und noch immer steht das Papstthum da voll Leben und Kraft, während alle anderen Reiche die mit ihm von gleichem Alter waren, längst in Staub zerfallen sind. Die katholische Kirche sendet noch immer bis zu den Grenzen der Erde ihre Missionäre aus, und tritt noch immer feindlichen Königen mit derselben Macht entgegen, mit der sie dem Attila entgegentrat. Die Zahl ihrer Angehörigen ist grösser als in irgend einer früheren Zeit: ihre Eroberungen in der neuen Welt haben sie für das in der alten Verlorene reichlich entschädigt . . Auch sehen wir keinerlei Anzeigen, dass das Ende ihrer langen Herschaft sich nähere. Sie sah den Anfang aller Regierungen und aller kirchlichen Stiftungen die jezt in der Welt bestehen, und sie wird vielleicht auch das Ende von allen sehen und überleben. Sie war gross und geachtet bevor der Sachse einen Fuss nach Brittannien gesezt, bevor der Franke den Rhein überschritten hatte, als griechische Beredsamkeit noch in Antiochien blühte, als in dem Tempel zu Mekka noch Götzenbilder angebetet wurden. Und sie mag noch in unverminderter Kraft bestehen, wenn einst irgend ein Eeisender aus Neuseeland, inmitten einer weiten Einöde, sich auf einen zerbrochenen Bogen der Londonbrücke stellt, um die Ruinen der St. Paulskirche zu zeichnen. Wenn ich die furchtbaren Stürme bedenke, welche die römische Kirche überlebt hat, so finde ich es schwer zu begreifen, auf welchem Wege sie untergehen soll. Wahrlich diese Kirche ist das Meisterstück menschlicher Weisheit (p. 94) . . Im vorigen Jahrhunderte war das Papstthum so heruntergekommen, dass es ein Gegenstand des Spottes für Ungläubige , und mehr des Mitleides als des Hasses für uns Protestanten war; und es ist darum nicht befremdend, wenn im J. 1799 selbst scharfsichtige Beobachter menschlicher Dinge geglaubt haben , dass endlich die lezte Stunde der römischen Kirche gekommen sei. Eine ungläubige Gewalt herschend, der Papst in der Gefangenschaft sterbend; die erlauchtesten französischen Praelaten in einem fremden Lande von protestantischen Almosen lebend, die edelsten Gebäude welche die Munificenz früherer Zeiten der Verehrung Gottes geweiht hatte, in Siegestempel oder in Banketthäuser für politische Vereine verwandelt: von solchen Zeichen Hess sich wol annehmen dass sie das nahende Ende ihrer langen Herschaft endlich verkündeten. Doch das Ende kam noch nicht . . Die Araber haben eine Fabel, dass die grosse Pyramide von Gizeh von vorsündfluthlichen Königen gebaut sei und, allein von allen menschlichen Werken, die Wucht der Fluth getragen habe. So ist das Geschick des Papstthums. Es war unter der grossen Überschwemmung begraben worden; aber seine tiefen Grundlagen waren unerschüttert geblieben, und als die Wasser abgelaufen, erschien es allein unter den Trümmern einer Welt die vergangen war, wieder am Lichte des Tages. Die holländische Republik war dahin, das deutsche Reich war dahin, der grosse Rath von Venedig, der alte Schweizerbund, das Haus Bourbon, Frankreichs Parlamente und sein Adel, sie waren dahin. Aber die unveränderliche römische Kirche war wieder da (p. 112 f.).).”

146 Innerer Auflösungsprocess des Völkerlebens.;
Was nun den inneren Auflösungsprocess des Völkerlebens betrifft, so liegt dessen eigentliche Ursache tief verborgen: sie ist in lezter Instanz keine andere
als die, dass alles geschaffene Leben als solches nicht ein unendliches ewiges, sondern ein endliches zeitliches ist, ein limitirter Fond, der je mehr er entwickelt desto mehr verbraucht und zulezt erschöpft wird. Wie das kränkeln hinwelken verdorren der Blätter und Aste eines Baumes ein Zeichen ist dass die Wurzel krank sei: so müssen auch bei sinkenden und zerfallenden Völkern die äusseren Erscheinungen als die Folgen einer inneren Erschlaffung betrachtet werden.
Mit dem schwächerwerden, abnehmen und endlichen aufhören ihrer inneren productiven Zeugungskraft, des nisus formativus (formativni napori) im Leben der Individuen wie der Völker, sinken dann, vertrocknen, und erlöschen zulezt: die sprachbildende Kraft; die religiöse Glaubenskraft; die politische Lebensenergie; die nationale Sittlichkeit, das Product der religiösen und der politischen Ideale; die poetische Kraft im Leben der Künste, die so innig zusammenhängen mit der ganzen naturfrischen Individualität der Völker; und zulezt auch, mit dem allmäligen Aufhören aller idealen metaphysischen Bedürfnisse, das specifisch geistigste Erzeugnis des Völkerlebens, die lebendige Wissenschaft: bis der ganze Organismus, nur auf die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse reducirt, seelenlos auseinanderfällt.

148 Erlöschen der sprachbildenden Kraft und der religiösen Glaubenskraft.;
Wie die Sprachen mit den Völkern die sie sprechen geboren werden, wachsen, blühen, reifen, verwelken und absterben, ist schon oben bemerkt worden.
Da sie nicht sowol ein fertiges Werk, epyov, als eine beständige Thätigkeit, ivepyua, eine Arbeit des Volksgeistes ; da Sprache und menschliches Leben unzertrennliche Begriffe sind (W. Humboldt’s Werke VI, 42. 112. 2S9 ib. p. 188.): so dass auch die gestorbenen Sprachen in Wahrheit nicht mechanisch erlernt, sondern nur dynamisch, insofern sie von uns noch empfunden werden, innerlich wieder belebt und erlebt werden können: so kann es in ihnen, so wenig als in den unaufhörlich fortflammenden Gedanken des Menschen selbst, keinen Augenblick wahren Stillstandes geben
Das ableben und sichausleben der Sprachen ist darum immer, nicht die Ursache, sondern die Folge des inneren Vertrocknens der Volksgeister; wie denn auch die Alten selbst schon das innige Wechselverhältnis der sittlichen und der sprachlichen Verderbnis im Leben der Völker klar erkannt und ausgesprochen haben (Piaton De rep. VIII p. 407. 408. Thukydides III, 82. Seneca Epist. 114, 1 … Vergl. de Maistre’s P, A. I, 73. 153. und was neuerlich Gobineau III, 346 bemerkt hat: in Zeiten eines gesunden politischen Lebens sind die politischen Schriftsteller als solche, wenn sie nicht ausserdem eine bedeutende Stelle im Staate einnehmen, ohne Einfluss. Nicht also aber ist es in den Perioden der Degeneration: hierin, bei der allgemeinen Kopf- und Charakterlosigkeit, gewinnt der Frechste den grössten Einfluss, denn es kommt da nicht darauf an , dass einer wirkliche Verdienste
habe, sondern nur darauf dass er mit grosser Unverschämtheit behauptet, er habe Verdienste. Der grössten Stärke des Wortes correspondirt hier in der Regel die grösste Schwäche des Charakters, wie die Sophisten, Schreier, und politischen Allarmeurs zu allen Zeiten bekunden.)
Auch das sinken und absterben des religiösen Glaubens, Gleichgültigkeit, Misachtung der überlieferten Religion, Eindringen fremder Glaubensformen, Sectenbildung, Skepticismus, völliger Abfall, alle diese charakteristischen Symptome jedes entartenden Volkes, und zwar vorzugsweise der höheren am meisten entwickelten und ausgelebten Stände im Volke, sind strenggenommen nicht sowol die Ursachen des nationalen Zerfalles, als vielmehr nur die sichtbaren Folgen der einen unsichtbaren centralen Ursache, des inneren Ermattens der nationalen Lebensenergie im Alter der Völker. Eine allgemeine Misstimmung, Mistrauen, Zweifel, Hoffnungslosigkeit, durchziehen dann das Leben, und gerade unter den sogenannten Gebildeten entstehen, in der Regel durch Halbwisser, und gewinnen ebendarum grosse Ausdehnung, sensualistische , skeptische, materialistische Systeme: in Griechenland nach Aristoteles, unter den Juden und in Rom zur Zeit Christi, in den neuern Zeiten, bei der Gleichartigkeit aller modernen Bildung, fast überall in Europa und über die Grenzen Europas hinaus. Namentlich ist es der Glaube an die göttliche Wesenheit und Unsterblichkeit des menschlichen Geistes der, wie er überall wo ursprüngliches Leben ist sich von selbst versteht weil er die Seele desselben ist, jezt in der Zeit der alternden und zerfallenden Völker massenhaft angefressen und geleugnet wird d. h. gleichzeitig mit dem zerfallenden Volksleben selbst mit ins Grab sinkt.
In den verhältnismässig noch kernhaften Theilen der Bevölkerung entsteht in solchen Zeiten der Glaube, ihre Götter hätten sie verlassen, excedere deos (Tacitus Hist. V, 13 und Fl. Josephus B. J. VI, 5, 3. Was die Etrusker behaupteten, nach dem vierundachtzigsten Lebensjahr geschehe dem Menschen kein Zeichen mehr, und das Leben könne nun auch nicht mehr durch Abwendung des göttlichen Zornes verlängert werden: Censorinus 14 , 6. Servius ad Ae. 8 , 398:
dasselbe gilt auch von altgewordenen Völkern.), oder das Unheil komme daher, dass die Menschen selbst sich losgesagt hätten von der väterlichen Religion (S. m. Studien p. 34. 293 K. Vollgraff’s Ethnognosie p. 40.); unter den Gebildeten aber herscht dann nur noch eine allen gemeinsame Religion, der Aberglaube(Ethnognosie p. 10 f. p. 937 ff. und Polignosie p. 677 ff. Vergl.Th. Carlyle Ausgewählte Schriften V, 178 ff.).

150 Absterben der politischen Lebenskraft.;
Das Absterben der politischen Lebenskraft und der nationalen Sittlichkeit zeigt sich, wie K. Vollgraff sehr gut nachgewiesen hat (Ethnognosie p. 10 f. p. 937 ff. und Polignosie p. 677 ff. Vergl. Th. Carlyle Ausgewählte Schriften V, 178 ff.), successive darin: dass mit der beginnenden physischen und psychischen Entartung der Völker, ihr Gesammtleben seine Spannkraft verliert und, durch die Zeugung fortgepflanzt, ein immer schwächeres Geschlecht hervorbringt (S. m. Studien p. 7. 35.); dass mit dem schwächerwerden und erkalten des Nationalgefühles auch der öffentliche Geist, der echte Patriotismus, erlischt; dass dann statt der compacten Volkseinheit nur noch Aggregate von Individuen existiren, Sklaven und Despoten, und nur der individuelle egoistische Verstand noch thätig bleibt; dass jeder ideale Freiheitssinn erlischt und in Gleichgültigkeit gegen die öffentlichen Angelegenheiten übergeht; statt der substanziellen sittlichen Wärme eine fein berechnende Lebensklugheit, statt der früheren herzerhebenden Aufopferung kalte falsche Selbstsucht, statt der alten frugalen Massigkeit ein entnervender genussbegieriger Luxus, statt ehrenfester Wahrhaftigkeit und Mannhaftigkeit feige und lügenhafte Charakterlosigkeit herschend wird; und dass nachdem also alles moralische Cement, welches den Bau der Staaten zusammenhält, zerbröckelt ist, zulezt allgemeine Erschlaffung, Fäulnis und Tod eintritt. Greifbar zeigt sich diese Degeneration im Inneren vorzüglich in dem Verfall der conjugalen Verhältnisse: Ehe und Kinder werden als Last betrachtet; womit dann das Fundament des bürgerlichen Lebens, die Familie, untergraben, mit den Hausvätern die echten Staatsbürger aufhören, und jeder nur sich und seinem momentanen Vortheil lebt, unbekümmert um das Ganze, welches der Teufel holen mag (S. m. Studien p. 435 f. und Zumpt in den Abhh. der Berliner Akademie vom J. 1840 p. 13 ff. und p. 39 ff. und die Erklärer zu Tacitus Germ. 20.). Das Familienerbgut wird ins unendliche getheilt, woraus Pauperismus, Socialismus, Communismus, alle Ausgeburten des politischen Wahnsinns entstehen. Das Recht wird das ausschliessliche Eigenthum der Juristen, und es bildet sich eine Rechtswissenschaft die nicht die Blüthe, sondern die dürre Frucht des vertrockneten Lebensbaumes der Völker ist (Savigny, Vom Beruf unserer Zeit für Gesezgebung p. 25 f. 30. 34. und Vollgraffs Polignosie p. 706. 733 ff.). In diesen Zeiten auch entsteht der scheussliche Grundsaz aller herz- und kopflosen Egoisten: ejuov Savövros yala uix^yrco 7rtyjt (Der Wahlspruch des Kaisers Tiberius hei Zonaras XI, 3 p. 443, 12. Der Vers klingt euripideisch.), wenn ich gestorben bin mag die Erde in Feuer aufgehen, apres moi le deluge, wenn es nur mich noch aushält! Eegierung und Beamte, innerlich rathlos und thatlos, bleierne Bureaukraten, lasten auf dem Leben, und fungiren nur noch gegen hohe Sportein und Stempelgebüren; zulezt wenn alle Arten von Steuern erschöpft sind, kommt es zum Verkauf der Staatsgüter, zu Anleihen ohne zu wissen wie man sie zurückzahle, zur Verschlechterung der Münze, zum Papiergeld und zum Staatsbankerott.
Endlich, am Ende des Endes, zerfällt auch der Militärorganismus in zuchtlose Eotten, und das ganze Volk wird wie ein Haufen Getraidekörner in deren jedem der Wurm sizt. Und gegen diesen Tod der Völker, wenn nicht eine wohlthätige Hand sie als Jünglinge oder Männer hinwegnimmt oder die Leiden des Alters abkürzt, gibt es kein Heilmittel, so wenig als gegen den Tod der Individuen.

152 Verfall der Künste und Wissenschaften.;

Auch von dem Tode der Künste und der Wissenschaften zu reden in dieser Periode des Verfalles, ist nicht erfreulich. Was könnten beide noch wahrhaft Grosses hervorbringen wo der Kern des Lebens faul und angefressen ist? Das wahrhaft Grosse und Schöpferische wird nur in der substanziellen Wärme des Lebens und, zur besseren Hälfte, im Zustande naiver Unbewusstheit geboren; der blosse berechnende Verstand und die äzende Schärfe seiner Kritik haben nie und nirgendwo weder ein originales Kunstwerk, noch ein gesundes echt wissenschaftliches Werk hervorgebracht, weil beides nur Sache des Charakters ist, und aus der Ganzheit und Fülle des Lebens geboren werden, die gelehrte Zergliederungskunst aber nur an Leichen geübt werden kann.

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2 Comments
  1. Hier sieht alles sehr chaotisch, sehr anarchistisch aus; denn ich kann beispielsweise nicht erkennen, wer der Autor welcher Texte ist, wer mit welchem Text zitiert wird, wer hier der Anbieter bzw. der Blogwart ist. Kann mir das einmal jemand sagen, bevor ich hier ernsthaft kommentiere?

    Mann, Mann, Mann!

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